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März 1, 2012

Schlafender Riese

Keiner kann ihm entrinnen. Es kommt plötzlich. Es beginnt mit einem Kribbeln am Unterkieferwinkel. Ein Knistern fegt durch die Ohren. Tränen schießen in die Augen, ehe es im nächsten Moment den Unterkiefer hinunterreißt. Es ist ansteckend. Springt über auf andere. Es breitet sich aus. Je mehr Menschen, desto größer seine Kreise. China hat viele Menschen. Sehr viele.

Allerorts schaut man in ihre gähnenden Abgründe. Sie strecken ihre Glieder und betten sich. In Kaufhausliegen, Verbotenen Städten, Bürostühlen, Tempeln, Schubkarren, Restauranttischen, Kleiderständern. Sie scheinen überall. Das Land des Lächelns ist fest in ihrem Griff. Land des Schlummers. Schlafender Riese.

Im 19. Jahrhundert soll Napoleon vor einer Weltkarte gestanden haben. Er tippte mit seinem Zeigefinger auf die Umrisse Chinas und sagte: ‘Hier ruht ein schlafender Riese. Lasst ihn schlafen. Wenn er erwacht, wird er die Welt erschüttern.’ Zweihundert Jahre später ist die Welt erschüttert. Doch der Riese schläft weiter.

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