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Mai 11, 2013

Pforte der Vergänglichkeit

Das Fauchen des Motors erlischt. Sofort erkämpft sich die Stille den Raum zurück. Wir stehen auf einer grünen Hochebene vor den Toren des Himalaya. Am Fuße des Bergmassivs erhebt sich das Kloster Trakkar Gompa.

In vollkommener Stille und ohne Zeichen weltlichen Lebens streifen wir durch die engen Gassen des Klosters. Da! Lausch! Kaum wahrnehmbar trägt uns der Wind die hypnotischen Wiederholungen von rezitierten Mantras zu. Jenen formelhaften Wortfolgen, die den Geist und dessen Denken vor negativen Gedanken bewahren.

Manisch wandelnd folgen wir dem Tanz der Klänge in einen kleinen Innenhof. Zeichen von Leben fesseln unsere Augen. Paarweise verlassene Stiefel und purpurne Gewänder säumen den Grund. Der hypnotische Klang der Mantras lockt uns zu einer festlich geschmückten Pforte. Demütig nehmen wir Platz vor ihr und warten. Eingefangen vom Hauch der Worte. Und lauschen. Unfähig sich ihrer zu entziehen. Und warten. Om mani padme hum. Om, du Juwel in der Lotosblüte.

Zu seiner Zeit öffnen sich die Pforten und offenbaren einen Augenblick in die Welt der Höheren. Schummriges Licht strömt heraus. Graue Schatten von Menschen in schweren Tüchern nähern sich dem Portal. Über die Schwelle treten sie in die Welt der Vergänglichkeit. Sonnenstrahlen tauchen die vormals dunklen Gewänder in leuchtendes Purpur. Der Innenhof füllt sich mit ausgelassenen Kinderstimmen. Die ermahnenden Rufe der Alten besiegeln die Transition ins Weltliche.

Wir erfahren von ihrer sechswöchigen Fastenzeit, in denen die Mönche isoliert von der Außenwelt in sich kehren. Die Tore des Klosters nicht verlassend. Auf die Frage, wie viele Wochen noch vor ihnen lägen, greift ein junger Mönch in die Tiefen seines Gewands und entlockt ihnen ein Mobilfunktelefon. Drei Wochen seien es noch, erwidert er, während sein tibetischer Schlüsselanhänger am Handy von links nach rechts baumelt. Die Transition ist vollbracht.

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