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Januar 20, 2011

Tränen der Meng Jiang Nü

Herr Meng lebte zusammen mit seiner Frau in einem kleinen Haus im südlichen China. Rings um das Haus verlief ein klappriger Holzzaun, der die Grenze seines kleinen Reiches markierte. Herr Meng war ein einfacher, aber fleißiger Mann und da ihm sein Kinderwunsch verwehrt blieb, wurde sein kleiner Vorgarten mit großer Hingabe bedacht. Besonders sein Flaschenkürbis gedieh’ prächtig und bahnte sich seinen Weg über die Holzbretter hinweg in den Garten von Herrn Jiang. Herr Jiang teilte das gleiche kinderlose Schicksal und so entwickelte auch er große Aufopferung für das kleine, grünliche Gewächs.

Viele Sonnen zogen ins Land der Mitte und es nahte der Tag der Ernte. Die Männer verständigten sich darauf, die Frucht ihrer gemeinsamen Arbeit zu teilen. Herr Meng schnitt den Flaschenkürbis an und zu ihrer Verwunderung fanden sie darin ein liebreizendes, junges Mädchen vor. Überwältigt von der Großzügigkeit der Götter, vergossen sie Tränen der Freude und beschlossen, es mit ebenso großer, gemeinschaftlicher Fürsorge und Liebe großzuziehen. Sie gaben ihm den Namen Meng Jiang Nü (Meng Jiangs Tochter).

Die Jahre schritten voran und die Schönheit des Mädchens blieb auch der männlichen Bevölkerung nicht verborgen. Zur gleichen Zeit (214 v. Chr.) beschloss der erste erhabene Gottkaiser von Qin, sich gegen die barbarischen Völker des Nordens abzuschotten. Eine Mauer solle es werden, 10.000 Li in der Länge, der Unendlichkeit entsprechend. Hierzu ließ er alle männlichen Untertanen seines Reiches in den Norden verschleppen. Auch Fan Qiliang sollte jenes Schicksal ereilen und er konnte sich damit nicht abfinden. Er floh und fand sich einst in Herrn Mengs Garten wieder. Dort erblickte er das Mädchen und verfiel ihr hemmungslos. Ebenso zeitig er es heiratete, wurde es ihm entrissen, als der Wind den kaiserlichen Offizieren die Kunde vom jungen Glück zutrug.

Das Mondjahr ging zur Neige und die ersten Schwalben kehrten zurück. Noch immer sehnte das Mädchen vergebens ein Lebenszeichen ihres geliebten Gattens herbei. Dem Verlangen ihres Herzens folgend, beschloss es selbst loszuziehen. Ohne Rücksicht auf den Gang der Sonne eilte es gen Norden. Nach 99 bitterkalten Gipfeln und 99 reißenden Tälern erreichte es den Pass von Shanhaiguan am Fuße der Großen Mauer. Keiner der erhabenen kaiserlichen Offiziere konnte die Frage nach Verbleib ihres Auserwählten klären. Schließlich traf sie einen abgemagerten Arbeiter. Aus seinem von eingefallenen Wangenknochen umgebenen Mund kamen jene Worte, die sie nicht hören wollte.

In den darauffolgenden Nächten und Tagen vergoss das Mädchen bittere Tränen der Trauer. Im tiefsten Moment der Totenklage erbebte der Grund unter ihm. Ein tiefes Grollen erklang. Es fand sich in Mitten einer dichten Staubwolke wieder. Als der Schleier des Staubes sich lichtete, war die mächtige Mauer auf 400 Kilometern Länge eingefallen. Zwischen den einzelnen Steinen kamen die sterblichen Überreste vieler zehntausender Menschen zum Vorschein. Es schnitt seinen Finger und tropfte eine Perle seines Lebenssaftes auf jeden Leichnam. Es wusste, dass seine Suche am Ende war, als sein Blut eins wurde mit dem vor ihm liegenden Gebein.

Der erboste Kaiser hörte vom Bild der Zerstörung und eilte herbei, um das verwitwete Mädchen hinzurichten. Seine Falten der Wut glätteten sich jedoch, als er ihr Antlitz erblickte. Hingerissen von ihrer zerbrechlichen Gestalt und entschlossenen Augen, musste er sie zur Frau haben. Verflochten an drei Bedingungen, war das trauernde Mädchen gewillt des Kaisers Verlangen zu stillen: Erstens, forderte es eine würdevolle Bestattung ihres Gatten, an der, zweitens, der Kaiser mit seinem gesamten Gefolge teilnähme. Drittens, wünschte es sich das Meer zu sehen. Geblendet von der majestätischen Pracht seiner künftigen Konkubine gewährte er dem Mädchen seine ersten beiden Forderungen.

Nach der Trauerzeremonie machte sich der Kaiser auf, auch die letzte Bedingung seiner Errungenschaft zu erfüllen. Auf einer prunkvollen Dschunke stachen sie ins Bohaimeer vor den Toren Beijings. Das erregte kaiserliche Gemüt schaute vereinigenden Tagen entgegen. Das Mädchen allerdings hatte ihren Entschluss schon lange gefasst. Fan Qiliangs Geist hatte seinen Frieden gefunden. So solle es auch der ihrige. Sie nutzte einen unachtsamen Augenschlag und warf sich in die brausenden Fluten.

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