Zur Startseite

Februar 23, 2016

Bestattung im Himmel

Hoch oben. Auf dem Dach der Erde. Weit über den asketischen Behausungen der purpurnen Boten thront ein kreisförmiges Portal zwischen den Welten. Auf dem nahegelegenen Hügel verbindet es Irdisches und Himmlisches im Bardo.

In Zeiten eisharter Böden und spärlichen Brennholzes erkor die tibetische Tradition den Himmel als letzte Ruhestätte der Verschiedenen aus. Und den Geier als ihren Fährmann.

Eine kreisrunde Aussparung bricht das Grün. Ein blutiges Schlachtfeld gesäumt von übergroßen Federn,  Fetzen des Purpurs, Messern und Äxten. Über allem liegt ein weißliches Mehl. Relikte vergangener Überfahrten.

Die Zeremonie beginnt. Aus den wolkenverhangenen Bergen gleiten die Fährmänner in sanften Schwüngen heran. Täglich terminierter Instinkt. Wachsam mustert mein Blick den Himmel. Sie kreisen über unseren Köpfen. In unseren Köpfen. Sie observieren in respektvollem Abstand. Demonstrativ breiten sie ihre überlegenen Schwingen aus.

Dumpfes Hacken durchbricht den Wind. Der Zeremonienmeister teilt den Leib in griffige Stücke, knöcherne Reste zu feinem Staub. Der letzte Widerstand des vergänglichen Lebens ist gebrochen. Die Fährmänner tragen die leere Hülle in den Sonnenaufgang. Der endgültige Akt der Großherzigkeit besiegelt seine Vollkommenheiten. Die Exkarnation ist vollendet.

nach oben