himmelsbestattung-1

Februar 23, 2016

Bestattung im Himmel

Hoch oben. Auf dem Dach der Erde. Weit über den asketischen Behausungen der purpurnen Boten thront ein kreisförmiges Portal zwischen den Welten. Auf dem nahegelegenen Hügel verbindet es Irdisches und Himmlisches im Bardo.

In Zeiten eisharter Böden und spärlichen Brennholzes erkor die tibetische Tradition den Himmel als letzte Ruhestätte der Verschiedenen aus. Und den Geier als ihren Fährmann.

Eintauchen

derweg-1
pfortedervergaenglichkeit-6

Mai 11, 2013

Pforte der Vergänglichkeit

Das Fauchen des Motors erlischt. Sofort erkämpft sich die Stille den Raum zurück. Wir stehen auf einer grünen Hochebene vor den Toren des Himalaya. Am Fuße des Bergmassivs erhebt sich das Kloster Trakkar Gompa.

In vollkommener Stille und ohne Zeichen weltlichen Lebens streifen wir durch die engen Gassen des Klosters. Da! Lausch! Kaum wahrnehmbar trägt uns der Wind die hypnotischen Wiederholungen von rezitierten Mantras zu. Jenen formelhaften Wortfolgen, die den Geist und dessen Denken vor negativen Gedanken bewahren.

Eintauchen

kora-4

April 28, 2013

Zug der Verdienstlichkeit

Eine Kora umschlingt das Kloster. Die religiöse Umrundung von heiligen, tibetischen Stätten in Richtung der Zeit. Der Pfad ist gesäumt von 108 Mühlen des Gebets. 108 entsprechend der stetig wiederkehrenden, heiligen Zahl des Buddhismus.

Das Orchester der quietschenden Gebetsmühlen säuselt das andauernde Lied der Klage. Jeder Zug an ihnen hegt die Verdienstlichkeit des Gläubigen und erlöst von negativem Karma. Die Händel der Gebetsmühlen fühlen sich ölig und glatt an. Abgetragen vom Zahn der Zeit und dem Dienst der Findenden.

Eintauchen

Der mittlere Weg

März 18, 2012

Der mittlere Weg

Wer das konsumgesäumte Gefängnis der keuchenden Ballungsgebiete hinter sich lässt, wer es wagt der Gesellschaft des Spektakels für eine Weile zu entsagen, wird in der Welt des Vajrayana ein Fahrzeug zur Atempause vorfinden.  Dreitausend Meter näher am Himmel öffnet sich die Pforte in eine beseelende Parallelwelt.

Eintauchen

Gesellige Düsternis

März 9, 2012

Gesellige Düsternis

Plötzlich ist es dunkel. Gemurmel beginnt den Raum auszufüllen. “Stromausfall”, so heißt es. Ich schnappe mein Tsingdao und begebe mich nach draußen.

Die Seitenstraße füllt sich mit Menschen. Männer mit Taschenlampen laufen umher. Alles versammelt sich um einen Strommast. In zweiter Reihe werden Klappstühle für die Alten herangeschafft. Voll freudiger Erwartung richten sich alle Augen nach oben.

Eintauchen

Schlafender Riese

März 1, 2012

Schlafender Riese

Keiner kann ihm entrinnen. Es kommt plötzlich. Es beginnt mit einem Kribbeln am Unterkieferwinkel. Ein Knistern fegt durch die Ohren. Tränen schießen in die Augen, ehe es im nächsten Moment den Unterkiefer hinunterreißt. Es ist ansteckend. Springt über auf andere. Es breitet sich aus. Je mehr Menschen, desto größer seine Kreise. China hat viele Menschen. Sehr viele.

Eintauchen

Schwarz-weiße Dystopie

September 1, 2011

Schwarz-weiße Dystopie

Dubai ist schwarz. Dubai ist weiß.

Blendend weiß in seinen polierten Granitplatten am Saume der Elfenbeintürme, die der Sonne ihr Spiegelbild vorhalten. Schwarz in den Scheiben der edelsten Rosse, bei ihrem Ritt auf der seiner Aorta. Tiefschwarz in den Antlitzen der vermummten Zweit- und Drittfrauen. Milchig weiß an seinem Horizont, wo sich Smog und Sand ehelichen.

Eintauchen

empfangdeshasen-7

Februar 8, 2011

Empfang des Hasen

Für gewöhnlich haben Jahreswechsel einen eher formellen und technischen Charakter. Im Prinzip verständigt sich die Menschheit darauf, dass die Jahreszahl eine Scheibe weitergedreht wird. Weder am Gang der Sonne noch am Verhalten der Tiere lassen sich Veränderungen ablesen. Normalerweise.

Eintauchen

cny-1

Februar 4, 2011

Erlegung des Nianshou

Tief in den chinesischen Weiten weilt das Nianshou (年兽). Jenes fleischfressende Ungetüm, das Albträume bei kleinen Chinamenschen und Händereiben bei Feuerwerksproduzenten hervorruft. Jährlich zum Frühlingsfest gilt es die Bedrohung mit überdimensionalen Knallfröschen einzudämmen, ehe das Scheusal alle 1.400.000.000 Chinesen vertilgt.

Eintauchen

Die Große Mauer

Januar 20, 2011

Tränen der Meng Jiang Nü

Herr Meng lebte zusammen mit seiner Frau in einem kleinen Haus im südlichen China. Rings um das Haus verlief ein klappriger Holzzaun, der die Grenze seines kleinen Reiches markierte. Herr Meng war ein einfacher, aber fleißiger Mann und da ihm sein Kinderwunsch verwehrt blieb, wurde sein kleiner Vorgarten mit großer Hingabe bedacht. Besonders sein Flaschenkürbis gedieh’ prächtig und bahnte sich seinen Weg über die Holzbretter hinweg in den Garten von Herrn Jiang. Herr Jiang teilte das gleiche kinderlose Schicksal und so entwickelte auch er große Aufopferung für das kleine, grünliche Gewächs.

Eintauchen

rauchtaenzer-1

Januar 4, 2011

Rauchtänzer

Sie kommen, wenn es dunkel wird. Ziehen ihre vom Ruß verfärbten Wagen. Die Drehung der langen pechschwarzen Speichen zieht mich in ihren Bann. Stehenden Fußes ragen ihre blau rot weißen Paläste in die Finsternis des Beijinger Himmels. Die Nacht verwandelt die Seitenstraße zum Hexenkessel. Heute Nacht, heute Nacht lodert das Feuer.

Eintauchen

mijiuH-1

November 7, 2010

Pijiu, Mijiu, Baijiu

Ich wache auf. Mein Rücken schmerzt vom harten Sitz. Das Vibrieren des Busses verrät mir, dass wir im Beijinger Verkehr feststecken. Wiedermal. Ich versuche eine bequeme Schlafposition zu finden. Kaum hab ich sie, werden meine Beine taub. Hoffnungslos. Aus einem knarzendem Mobiltelefon vor mir dröhnt das Solo von Guns ‘n’ Roses’ Sweet Child of Mine. Langsam kommt die Erinnerung an den heutigen Tag wieder.

Eintauchen

zianjian-3

Oktober 21, 2010

Zai jian de guo, ni hao zhong guo. Again.

(dt. Auf Wiedersehen Deutschland, Hallo China. Schon wieder.) 47 Sonnen sind vergangen, seitdem ich dem Land der Mitte den Rücken kehrte. Ende Juli diesen Jahres betrat ich erstmals dieses faszinierende Reich. China war für mich die große Unbekannte. Ein Land, dessen Lage und Hauptstadt ich zwar kannte, diese Hülsen aber nicht mit Leben zu füllen wusste.

Eintauchen